Der stille Taktgeber (IV): Der einzige Sitz, der nie zur Wahl steht

Gavi wurde 2000 mit einer Anschubfinanzierung der Gates-Stiftung gegründet. 25 Jahre und Milliarden an Regierungsgeldern später: Wer sitzt eigentlich noch mit welchem Gewicht am Tisch?

Orange chairs around a wooden conference table
Foto: Jakub Żerdzicki / Unsplash

Der stille Taktgeber (IV): Der einzige Sitz, der nie zur Wahl steht

Wer zahlt Gavi, der globalen Impfallianz, eigentlich – und wer sitzt dafür am Tisch? Ein Blick auf Zahlen, Sitze und die Frage, was "Gründungspartner" in der Praxis bedeutet.

Teile dieser Serie: Auftakt: Der stille Taktgeber · Teil 1: Sechs Jahre, drei Minister, ein Gast · Teil 2: Wer bestimmt, wenn keiner mehr zahlt? · Teil 3: Wer die Rechnung zahlt, sucht sich den Kellner aus · Wer zahlt, wer gewinnt: Die Rechnung hinter den Impfstoff-Milliarden

Damals

Gavi wurde im Jahr 2000 gegründet, als Nachfolgeorganisation der Children's Vaccine Initiative von 1990.¹ Vier Institutionen gelten als Gründungspartner: die WHO, UNICEF, die Weltbank – und die Bill & Melinda Gates Foundation, die den Start mit einer Anschubfinanzierung von 750 Millionen US-Dollar überhaupt erst ermöglichte.² Von Anfang an war die Stiftung damit kein gewöhnlicher Geldgeber unter vielen, sondern eine von vier Gründungsinstitutionen, die die Organisation mit aufgebaut haben.

Heute

Am 30. September 2024 sagte die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen Gavi 260 Millionen Euro für den Zeitraum 2026–2027 zu, dazu rund 200 Millionen Euro zusätzliche humanitäre Hilfe – als Ziel wurde genannt, bis 2030 weltweit bis zu 500 Millionen Kinder zu schützen.³ Am 25. Juni 2025 folgte in Brüssel der eigentliche Wiederauffüllungsgipfel für die Gavi-Strategieperiode 2026–2030: Insgesamt wurden dort über 9 Milliarden US-Dollar zugesagt, bei einer Zielsumme von 11,9 Milliarden.⁴ Die EU-Kommission legte weitere 360 Millionen Euro obendrauf, "Team Europe" (EU und Mitgliedstaaten zusammen) kam auf über 2 Milliarden Euro und war damit die größte Gebergruppe des Gipfels. Parallel sagte die Gates-Stiftung 1,6 Milliarden US-Dollar zu.⁴

Seit ihrer Gründungszusage im Jahr 2000 hat die Gates-Stiftung nach eigenen Angaben insgesamt rund 4,1 Milliarden US-Dollar an Gavi gegeben, verteilt auf Zusagen in den Jahren 2000, 2007, 2011, 2014, 2015 und 2020.⁵ Im Zeitraum 2016–2020 entfielen von der Gesamtfinanzierung in Höhe von 9,3 Milliarden US-Dollar rund 1,55 Milliarden auf die Stiftung – etwa 17 Prozent. Größter Einzelgeber in diesem Zeitraum war tatsächlich nicht die Stiftung, sondern das Vereinigte Königreich mit 2,08 Milliarden US-Dollar.⁶ Der überwiegende Teil der Gavi-Finanzierung kommt also nach wie vor von Regierungen, nicht von privaten Stiftungen.

Das Muster

Beim Governance-Board von Gavi – 28 Mitglieder, aktuell unter Vorsitz von Helen Clark – gilt ein Vertretersystem: Geberländer und Empfängerländer wählen jeweils Repräsentanten, die mehrere Staaten gemeinsam vertreten.⁷ Die Gates-Stiftung dagegen hat einen eigenen, dauerhaften Sitz im Board – nicht rotierend, nicht zur Wahl stehend, sondern fest der Stiftung zugeordnet, so wie auch WHO, UNICEF und Weltbank feste institutionelle Sitze haben. Zusätzlich sind Impfstoffhersteller im Board vertreten, was in der Fachliteratur wiederholt als Interessenkonflikt benannt wurde.⁸

Das Muster, das sich hier zeigt, ist dasselbe wie bei der WHO in den vorherigen Teilen dieser Serie: Wer eine Organisation mitgründet und von Beginn an strukturell verankert ist, behält diese Position auch dann, wenn andere Geber – gemessen am reinen Geldbetrag – zeitweise mehr beisteuern. Ein Regierungssitz muss sich der Logik des Vertretersystems unterordnen. Der Gründungssitz nicht.

Die offene Frage

Ist "Gavi ist im Grunde Gates" also richtig? Nein – die Mehrheit des Geldes kommt von Staaten, nicht von der Stiftung, und Gavi ist eine öffentlich-private Allianz mit vielen Partnern, nicht ein verlängerter Arm eines einzelnen Akteurs. Aber die verkürzte These hat einen realen Kern: Ein permanenter, nicht zur Wahl stehender Board-Sitz für einen privaten Geldgeber ist strukturell etwas anderes als die Vertretung, die Regierungen über das Konstituenzsystem bekommen. Das wirft eine Frage auf, die unabhängig von der Höhe des jeweiligen Jahresbeitrags bleibt: Wie viel institutionelles Gewicht sollte ein Gründungssitz auf Dauer behalten, wenn sich die relativen Beitragsanteile der übrigen Geber im Lauf von 25 Jahren immer wieder verschieben?

Hoffnung

Zwei Dinge sprechen dafür, dass Gavi kein geschlossenes System ist. Erstens: Gavi veröffentlicht seine Geberprofile, Zusagen und Finanzierungsanteile selbst öffentlich und detailliert – die Zahlen in diesem Artikel stammen direkt von der Organisation, nicht aus einer Recherche gegen sie. Zweitens: Weil der überwiegende Teil der Mittel von Dutzenden Regierungen kommt und keine davon eine Mehrheit hält, kann strukturell kein einzelner Geber – auch nicht der mit dem Gründungssitz – allein über die Ausrichtung der Organisation entscheiden. Die 25-jährige Bilanz von Gavi (nach eigenen Angaben Beitrag zur Immunisierung von über einer Milliarde Kindern) zeigt, dass dieses Modell trotz seiner strukturellen Eigenheiten arbeitsfähig geblieben ist.

Quellen

  1. GAVI – Wikipedia, Abschnitt Geschichte/Gründung.
  2. Gates Foundation, Gavi Donor Profile: gavi.org/investing-gavi/funding/donor-profiles/gates-foundation.
  3. Europäische Kommission, Vertretung in Deutschland, 30.09.2024: „EU-Kommission sagt Impfallianz Gavi 260 Mio. Euro zu und mobilisiert zusätzlich 200 Mio. Euro humanitäre Hilfe".
  4. Gavi, the Vaccine Alliance, Pressemitteilung: „World leaders recommit to immunisation amid global funding shortfall", 25.06.2025.
  5. Gavi, the Vaccine Alliance, Gates Foundation Donor Profile (kumulative Zusagen seit 2000).
  6. KFF (Kaiser Family Foundation): „The U.S. Government and Gavi, the Vaccine Alliance" (Finanzierungsanteile 2016–2020).
  7. Gavi, the Vaccine Alliance: „How GAVI Gets It Done – The People, Process, and Power Behind the Mission", Governance-Seite.
  8. GAVI – Wikipedia, Abschnitt zu Board-Zusammensetzung und Kritik an Industrievertretung.