Der stille Taktgeber (III): Wer die Rechnung zahlt, sucht sich den Kellner aus

Deutschland finanzierte die WHO in der Pandemie wie kein anderes Land. Jetzt will es den Chefposten. Ein Blick auf einen Prozess, der keine Bewerbung ist.

Der stille Taktgeber (III): Wer die Rechnung zahlt, sucht sich den Kellner aus
Photo by Vitaly Gariev / Unsplash

Der stille Taktgeber (III): Wer die Rechnung zahlt, sucht sich den Kellner aus

Teile dieser Serie: Auftakt: Der stille Taktgeber · Teil 1: Sechs Jahre, drei Minister, ein Gast · Teil 2: Wer bestimmt, wenn keiner mehr zahlt? · Teil 4: Der einzige Sitz, der nie zur Wahl steht · Die Sumpfkarte

Damals

2020 und 2021 verdreifachte Deutschland seine Beiträge an die WHO nahezu. Nach eigenen Angaben der Organisation stiegen die deutschen Gesamtzahlungen von rund 359 Millionen US-Dollar im Zweijahreszeitraum 2018–2019 auf mehr als 1,26 Milliarden US-Dollar in der Pandemie-Periode 2020–2021 — womit Deutschland in diesem Zeitraum zum größten Einzelgeldgeber der gesamten Organisation wurde, noch vor der Gates-Stiftung.1 Zusätzlich war Deutschland Gründungsmitglied und zweitgrößter Geber des globalen Impfstoff-Mechanismus ACT-A mit rund 3 Milliarden Euro.2

Heute

Die Rangfolge hat sich seither mehrfach verschoben. Die vom Tagesspiegel 2023 berichtete Platzierung Deutschlands als drittgrößter Geldgeber hinter den USA und der Gates-Stiftung — mit rund 1,7 Milliarden US-Dollar an speziell gebundenen und 260 Millionen US-Dollar an thematisch gebundenen Mitteln — bezog sich noch auf die Zeit vor dem US-Austritt aus der WHO.3 Mit dessen Wirksamwerden am 22. Januar 2026 hat sich das Bild grundlegend verändert: Für das laufende Biennium 2024–2025 weist die WHO für Deutschland bislang 317,2 Millionen US-Dollar aus, nach 826,4 Millionen US-Dollar im Biennium 2022–2023.9 Die USA fehlen als Geldgeber inzwischen komplett, wodurch sich die gesamte Rangfolge unter den verbleibenden Gebern neu sortiert.

Gleichzeitig läuft seit April 2026 die Nachfolgesuche für den scheidenden Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus, dessen zweite und letzte Amtszeit im August 2027 endet.4 Als deutsche Kandidaten kursieren in Berliner Politikkreisen zwei Namen: der frühere Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und Paul Zubeil, stellvertretender Generaldirektor für internationale Gesundheitspolitik im Bundesgesundheitsministerium.5

Ausgerechnet in dem Moment, in dem ein Land mit einer der größten historischen Einzelzahlungen an die WHO seinen eigenen Wunschkandidaten für die Organisationsspitze ins Spiel bringt, kämpft die WHO selbst ums nackte Überleben: 600 Stellenstreichungen allein am Hauptsitz Genf, ein um 21 Prozent gekürztes Budget für 2026/27 — und trotzdem noch 1,7 Milliarden Dollar Finanzierungslücke.6

Das Muster

Kandidaten für den Posten des WHO-Generaldirektors bewerben sich nicht selbst. Sie müssen von einem oder mehreren Mitgliedsstaaten offiziell nominiert werden — 2021 taten das beispielsweise 28 Staaten gemeinsam für den amtierenden Tedros.7 Wer also am Ende als deutscher Kandidat antritt, entscheidet sich nicht in einer öffentlichen Bewerbung, sondern in einer stillen Abstimmung zwischen Kanzleramt, Auswärtigem Amt und Bundesgesundheitsministerium.

Das ist an sich kein Skandal — so ist der Prozess seit Jahrzehnten angelegt. Aber es zeigt die Struktur, die sich durch die gesamte Taktgeber-Serie zieht: Geld fließt nach oben in die Organisation, Einfluss auf Personalentscheidungen fließt zurück nach unten — nicht durch Verschwörung, sondern durch die nachvollziehbare Logik eines Systems, in dem Beitragshöhe traditionell mit diplomatischem Gewicht korreliert.

Die offene Frage

Der Nominierungsprozess selbst wirft eine Frage auf, die über Deutschland hinausgeht: Sollte ein Kandidat mit eigener Verantwortung in der nationalen Pandemiepolitik — etwa bei umstrittenen Impfstoffbeschaffungen oder im Umgang mit RKI-internen Protokollen — für den Posten in Betracht gezogen werden, ohne dass diese Vorgeschichte im internationalen Auswahlprozess überhaupt zur Sprache kommt? Das ist keine Unterstellung gegenüber einer bestimmten Person, sondern eine Frage an das Verfahren: Wer prüft die Kandidaten eigentlich, und wonach?

Hoffnung

Im Vergleich zu früheren Wahlen ist der aktuelle Prozess tatsächlich transparenter geworden: Erstmals gibt es einen verbindlichen Verhaltenskodex für die Kandidaten, ein elektronisches Webforum, in dem Mitgliedsstaaten direkt Fragen stellen können, sowie zwei öffentliche Kandidatenforen vor der eigentlichen Wahl im Mai 2027.8 Das ist ein Fortschritt gegenüber 2022, als Tedros als einziger Kandidat ohne echten Wettbewerb bestätigt wurde. Die Deadline für Nominierungen läuft noch bis zum 24. September 2026 — es bleibt also Zeit für genau die Art von öffentlicher Debatte, die dieser Artikel einfordert.

Quellen

  1. Report24, 14.09.2022, unter Bezug auf WHO-eigene Top-20-Beitragszahler-Liste 2020–2021 (WHO-Angaben zur Beitragshöhe Deutschlands).
  2. Auswärtiges Amt: Corona — Deutscher Einsatz für faire Impfstoffverteilung, auswaertiges-amt.de.
  3. Tagesspiegel, 15.03.2023: Finanzierung der Weltgesundheit — Wer entscheidet, worum die WHO sich kümmert?
  4. WHO: Election of the WHO Director-General, who.int/about/governance.
  5. NZZ, 13.02.2026: Warum Karl Lauterbach als WHO-Chef gehandelt wird.
  6. Health Policy Watch, 26.08.2025 und 13.07.2025: WHO-Stellenabbau und Budgetkürzungen 2026/27.
  7. WHO: Nominations 2022, who.int — Liste der 28 nominierenden Mitgliedsstaaten für Tedros.
  8. Health Policy Watch, 17.05.2026: WHO Sets Out Timetable and Ethical Guardrails for Election of New Director-General.
  9. WHO: Germany – partner in global health (Beitragsdaten nach Biennium), who.int/about/funding/contributors/deu; sowie HHS.gov: Fact Sheet – U.S. Withdrawal from the World Health Organization (Wirksamwerden des Austritts am 22.01.2026).