Zwei Lager, ein Mensch

Ein Impfpass-Foto, ein Pöbel-Post und die Frage, warum wir uns immer noch für eine Seite entscheiden sollen.

KI-Illustration: Zwei Lager, ein Mensch
Symbolbild - KI-generiert

Ein Impfpass-Foto, ein Pöbel-Post und die Frage, warum wir uns immer noch für eine Seite entscheiden sollen.

Donnerstag, 8. Oktober 2026. Im Netz taucht ein Foto auf: ein Impfpass, handschriftlich datiert auf den heutigen Tag, darauf zwei Aufkleber, einer für die Grippe, einer für Corona. Dazu die Meldung des Absenders, er sei erledigt und gerüstet, die Praxis sei voll gewesen mit Impfwilligen.

Binnen weniger Stunden sehen mehr als 11.000 Menschen den Beitrag. Gut zwei Stunden später legt der Absender nach: Wer sich daran störe, solle sich entspannen und seinen Ärger woanders abladen, und zwar in einem Ton, der das Wort Argument nicht verdient. Für die Kritiker hat er ein Spottwort.

Der Absender ist ein Selbstständiger mit mehr als 18.000 Beiträgen im Netz. Wir nennen ihn nicht. Er ist eine Privatperson, und für diese Geschichte ist sein Name das Unwichtigste.

Wichtig ist sein Profil. Im Anzeigenamen steht ein Impfbekenntnis mit Spritzensymbol und „x5“. In der Kurzbeschreibung steht, dass er Aufmerksamkeit für Long Covid, ME/CFS und Post-Vac schaffen will. Beides, nebeneinander, im selben Profil.

Damals und heute

Damals: Bis zu diesem Sommer galt für Erwachsene die Empfehlung, durch mindestens drei Antigenkontakte, Impfung oder Infektion, eine „Basisimmunität“ aufzubauen.1

Heute, Oktober 2026: Die Ständige Impfkommission hat diese Empfehlung im Juli gestrichen. Die jährliche Auffrischung empfiehlt sie nun für Menschen ab 75 Jahren und für Risikogruppen. Begründung: Die meisten Erwachsenen seien durch viele Antigenkontakte ausreichend gut vor schweren Verläufen geschützt. Die indikationsbezogene Impfquote lag in der vergangenen Saison bei lediglich 8 Prozent.2

Eine Empfehlung setzt Schwerpunkte, sie verbietet nichts. Wer sich impfen lassen will, kann es weiter tun, und nicht wenige tun es.

Auch der Impfstoff auf dem Foto ist keine Randnotiz. Comirnaty LP.8.1 stellt der Bund voraussichtlich noch bis Ende Februar 2027 bereit. Die europäische Arzneimittelagentur würde für diese Saison eine Anpassung an die Variante XFG bevorzugen, hält LP.8.1 aber weiterhin für vertretbar.3

Die Gegenüberstellung

Die Stimme der Behörde Die Stimme der Ambulanz
Das Paul-Ehrlich-Institut zählte bis Mai 2023 insgesamt 1.547 Verdachtsmeldungen mit Long-Covid-ähnlichen Beschwerden nach Impfung, bei mehr als 192 Millionen verabreichten Dosen. Einen medizinisch plausiblen Hinweis auf einen direkten ursächlichen Zusammenhang sieht es nicht.4 Die Leiterin des Fatigue Centrums der Berliner Charité sagt: Die Impfstoffe können das Immunsystem sehr wirksam aktivieren. In ihrer Ambulanz hätten sich Patienten mit anhaltenden Beschwerden nach der Impfung vorgestellt.5
„Post-Vac“ sei keine definierte Krankheit, sondern eine Sammelbezeichnung für verschiedene Beschwerden, wie sie auch bei Long Covid vorkommen.6 Das Thema liegt auch im Bundestag: Eine Drucksache der laufenden Wahlperiode widmet sich Versorgungslage und Abgrenzung von Long Covid und Post-Vac.7

Dazu kommt eine dritte Stimme, die in diesem Streit meist als „verbrannt“ gilt. Ihr Argument, ohne Absender: Wer nach einer Impfung krank bleibt, will nicht als Statistik behandelt werden, sondern als Patient. Der Kern daran ist belegt: Es gibt Betroffene, die in Ambulanzen gesehen werden.5 Nicht belegt ist der Sprung zum allgemeinen Verdikt. Das Institut sieht nach eigener Darstellung bislang keinen medizinisch plausiblen Hinweis auf einen direkten Kausalzusammenhang und bezeichnet die Meldungen im Verhältnis zur Zahl der Impfungen als extrem selten.4

Wie man es sich vorstellen kann

Das Immunsystem ist eine Alarmanlage. Die Impfung ist der Probealarm: Bei den allermeisten piept es kurz, dann ist wieder Ruhe. Ob bei einigen wenigen die Sirene hängen bleibt, ist genau die offene Forschungsfrage. Fest steht: Auch eine Corona-Infektion selbst erhöht nach Einschätzung von Fachleuten bei genetisch dafür veranlagten Menschen das Risiko für Long Covid.5

Das Bild ist eine Verständnishilfe, kein Befund. Aber es zeigt, warum Impfung und Long Covid in derselben Biografie vorkommen können, ohne dass einer der beiden Sätze lügt.

Das Muster

Im Netz wird jede Handlung zum Bekenntnis gelesen. Wer impft, muss „dafür“ sein. Wer Betroffene ernst nimmt, muss „dagegen“ sein. Der Mann mit dem Impfpass-Foto passt in keine der beiden Schubladen, und gerade deshalb prallt er auf beide.

Das Muster dahinter ist so alt wie die Pandemie: Aus zwei Sätzen, die gleichzeitig wahr sein können, wird ein Entweder-oder gemacht.

  • Satz 1: Die Impfung schützt nach Einschätzung der Fachgremien die meisten Erwachsenen ausreichend vor schweren Verläufen.2
  • Satz 2: Manche Menschen haben nach einer Impfung lang anhaltende Beschwerden und brauchen Versorgung.5

Wer beides aushält, ist in keinem Lager zu Hause. Bequem ist das nicht. Es ist aber die einzige Position, die beiden Gruppen gerecht wird.

Hoffnung

Ein Profil, das Impfbekenntnis und Betroffenen-Awareness zusammenführt, ist kein Widerspruch, sondern ein Anfang. Die Versorgungsstrukturen für Long Covid, ME/CFS und Post-Vac sind politisch angekommen, die Forschung läuft. Und im Alltag zeigt sich, was in der Debatte oft untergeht: Die meisten Menschen entscheiden pragmatisch, nicht ideologisch.

Wer Empfehlungen formuliert und Verdachtsmeldungen auswertet, kann beide Sätze zugleich ernst nehmen. Er muss sich dafür nicht für eine Seite entscheiden.

Quellen:

  1. Kassenärztliche Bundesvereinigung, Praxisnachrichten, 23.07.2026: Wegfall der Empfehlung, eine Basisimmunität durch mindestens drei Antigenkontakte aufzubauen. https://www.kbv.de/praxis/tools-und-services/praxisnachrichten/2026/07-23/covid-19-stiko-passt-impfempfehlung-an ↩
  2. Pharmazeutische Zeitung, 10.07.2026: STIKO streicht die Basisimmunität, Auffrischung ab 75 Jahren, indikationsbezogene Impfquote 8 Prozent. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/keine-basisimpfung-gegen-covid-19-mehr-empfohlen-166717/ ↩↩
  3. Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg, Stand 15.09.2026: Bereitstellung Comirnaty LP.8.1 bis voraussichtlich 28.02.2027, EMA bevorzugt XFG, LP.8.1 weiterhin vertretbar. https://www.kvbawue.de/kvbw/aktuelles/news-artikel/aktuelle-verfuegbarkeit-und-verordnungsfaehigkeit-von-covid-19-impfstoffen-fuer-erwachsene ↩
  4. Paul-Ehrlich-Institut, Stellungnahme zum „Post-Vac-Syndrom“ (Datenstand Mai 2023): Zahl der Verdachtsmeldungen, mehr als 192 Millionen Impfungen, kein medizinisch plausibler Hinweis auf direkten Kausalzusammenhang. https://www.pei.de/EN/newsroom/positions/covid-19-vaccines/statement-postvac.htm ↩↩
  5. Tagesspiegel: „Krank nach der Corona-Impfung: Wie häufig ist das Post-Vac-Syndrom?“, Einordnung der Leiterin des Fatigue Centrums der Charité. https://www.tagesspiegel.de/gesundheit/krank-nach-der-corona-impfung-wie-haufig-ist-das-post-vac-syndrom-8930914.html ↩↩↩↩
  6. Pharmazeutische Zeitung zum PEI-Sicherheitsbericht: „Post-Vac“ ist keine definierte Krankheitsbezeichnung. https://www.pharmazeutische-zeitung.de/pei-findet-kein-sicherheitssignal-fuer-post-vac-syndrom-135468/ ↩
  7. Deutscher Bundestag, Drucksache 21/1037: „Long-COVID und PostVac – Aktuelle Situation und Versorgungslage“. https://dserver.bundestag.de/btd/21/010/2101037.pdf ↩