Wer zahlt, wer gewinnt: Die Rechnung hinter den Impfstoff-Milliarden
Gates, Strüngmann, Fidelity und Redmile investierten früh und im zweistelligen Millionenbereich. Der Steuerzahler zahlte spät und im Milliardenbereich. Eine Rechnung.
Wer zahlt, wer gewinnt: Die Rechnung hinter den Impfstoff-Milliarden
Ein Folgeartikel zur Frage: Wer trug das Risiko, und wer strich den Gewinn ein?
Teile dieser Serie: Teil 1: Die SMS, die verschwanden · Teil 2: Der Vertrag, den niemand lesen durfte · Teil 3: Chefsache Brüssel · Teil 4: Wer zahlt die Rechnung? · Wächter ohne Wache: Warp Speed · Warum die falschen Beweise den echten Fragen schaden · Der Vertrag, der schweigen sollte
Damals
Im Frühjahr 2020 kursierte eine beruhigende Geschichte: Weitsichtige Philanthropen hätten schon Jahre zuvor in die richtige Technologie investiert und damit der Menschheit den Weg zur Impfung geebnet. Bill Gates wurde in dieser Erzählung zur Figur des Weitsichtigen, der early bet auf mRNA gesetzt hatte, lange bevor jemand sonst daran glaubte. Ein Wohltäter mit gutem Näschen.
Was in dieser Erzählung fehlte: die Größenordnung. Und die Frage, wer eigentlich das große Geld in die Hand nahm, als es darauf ankam.
Heute
Die Zahlen dazu sind öffentlich, und sie lassen sich nachrechnen.
Was private Stiftungsgelder tatsächlich bewegten: Die Bill & Melinda Gates Foundation investierte 2015 rund 52 Millionen US-Dollar in das Tübinger Unternehmen CureVac.1 2019 kaufte sie für 55 Millionen US-Dollar Anteile am Mainzer Unternehmen BioNTech, zu einem Vorzugspreis von 18,10 US-Dollar je Aktie, wenige Wochen vor dessen Börsengang.2 Beide Investitionen sind über die eigenen Mitteilungen der Stiftung beziehungsweise über Pflichtmitteilungen bei der US-Börsenaufsicht SEC lückenlos dokumentiert.
Was der deutsche Staat allein bei CureVac drauflegte: Im Juni 2020 beteiligte sich die Bundesrepublik über die KfW mit 300 Millionen Euro an CureVac und übernahm damit rund 23 Prozent des Unternehmens.3 Diese eine Beteiligung, in einer einzigen Kapitalrunde, überstieg die gesamte Gates-Investition in dieselbe Firma um das Sechsfache.
Was der deutsche Staat insgesamt für Impfstoffe ausgab: Bis Ende 2021 hatte der Bund nach eigener Auskunft gegenüber dem Bundestag bereits rund 7 Milliarden Euro für Beschaffung, Logistik und Vergütung der Impfkampagne gezahlt.4 Der Haushaltsansatz dafür war zu Jahresbeginn 2021 auf bis zu 8,9 Milliarden Euro erhöht worden, ausgelegt auf 635 Millionen Dosen.5 Das ist – nur für Deutschland, nur für einen Teil der Kosten – rund das 80-Fache dessen, was die Gates-Stiftung in beide genannten Unternehmen zusammen investierte.
Was aus der frühen Wette wurde: Nach eigenen SEC-Meldungen hielt die Gates-Stiftung ihre BioNTech-Position bis weit in das Jahr 2021, als der Kurs im August auf ein Hoch von 389 US-Dollar je Aktie stieg – der ursprüngliche Einsatz war damit auf dem Papier rund das 20-Fache wert.6 Im dritten Quartal 2021, nahe diesem Kurshoch, reduzierte die Stiftung ihre Beteiligung um den überwiegenden Teil; öffentlich einsehbare Pflichtmitteilungen zeigen seither eine deutlich kleinere Position.7
Und Gates war nur einer von vielen: BioNTechs eigener Börsenprospekt aus dem Jahr 2019 listet die Investoren namentlich auf – neben der Gates-Stiftung unter anderem die Unternehmerfamilie Strüngmann (Mehrheitsaktionäre über ihre Holding), den Vermögensverwalter Fidelity Management & Research Company und den auf Biotech spezialisierten Investmentfonds Redmile Group.9 Die Strüngmann-Zwillinge Thomas und Andreas galten schon vor der Pandemie als Milliardäre; ihr Vermögen wuchs mit dem BioNTech-Kurs um ein Vielfaches. Das Muster war also nicht die Ausnahme eines einzelnen Investors, sondern die Regel für alle, die früh und zu Vorzugskonditionen eingestiegen waren.
Das Muster
Der Europäische Rechnungshof kam in seiner Sonderprüfung der EU-weiten Impfstoffbeschaffung zu einem bemerkenswerten Befund: Das Verhandlungsteam der Mitgliedstaaten musste keine besonderen Fachkenntnisse nachweisen, eine systematische Bewertung, was aus den Verhandlungen hätte herausgeholt werden können, fand nicht statt.8 Mit anderen Worten: Der Käufer – die Staatengemeinschaft – verhandelte strukturell aus einer schwächeren Position, während private Frühinvestoren zu einem Zeitpunkt einstiegen, als der Ausgang noch offen war und die Bewertung entsprechend niedrig.
Das Ergebnis ist kein Betrug und keine Verschwörung, und es ist auch nicht die Geschichte eines einzelnen umtriebigen Investors. Es ist eine ganz gewöhnliche, breit dokumentierte Marktlogik: Wer früh und mit kleinem Einsatz das Risiko trägt – ob Stiftung, Unternehmerfamilie, Vermögensverwalter oder spezialisierter Investmentfonds –, wird bei Erfolg überproportional belohnt. Wer spät, mit großem Volumen und ohne Verhandlungsspielraum kauft, zahlt den Marktpreis – und trägt zugleich das politische Risiko, falls etwas schiefgeht. Nur: Hier war der späte, teure Käufer durchgehend der Steuerzahler. Der frühe Gewinn dagegen verteilte sich auf ein knappes Dutzend privater Akteure, von denen die Gates-Stiftung wegen ihrer eigenen Offenlegungspflichten lediglich am besten dokumentiert ist – nicht, weil sie die einzige gewesen wäre.
Hoffnung
Auch das lässt sich ändern, und es gibt bereits Vorbilder dafür. Wenn der Staat mit Steuergeld das unternehmerische Risiko einer Technologie mitträgt – etwa durch Abnahmegarantien oder direkte Beteiligungen wie bei CureVac –, kann er sich dafür auch eine Beteiligung am späteren Erfolg sichern, etwa über Optionsscheine oder Rückflussklauseln, wie sie in anderen Ländern bei ähnlichen Rettungspaketen bereits verhandelt wurden. Die Debatte darüber ist nicht neu, sie wurde in der Pandemie nur nicht konsequent geführt. Genau das lässt sich nachholen – mit denselben öffentlichen Zahlen, die diesen Artikel möglich gemacht haben.
Zur Rolle der Gates-Stiftung als Gavi-Gründungspartner mit eigenem Board-Sitz siehe Der stille Taktgeber (IV): Der einzige Sitz, der nie zur Wahl steht.
Quellen
- Bill & Melinda Gates Foundation, Pressemitteilung vom 5. März 2015, „The Bill & Melinda Gates Foundation and CureVac Collaborate". ↩
- BioNTech SE, SEC-Registrierungsunterlagen Form F-1 und 20-F, Offenlegung der Kapitalerhöhung vom 30. August 2019. ↩
- Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, Pressemitteilung vom 15. Juni 2020, „Bundesregierung beteiligt sich mit 300 Millionen Euro an CureVac". ↩
- Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke im Deutschen Bundestag, Stand Januar 2022. ↩
- Bundesministerium der Finanzen, Mitteilung an den Haushaltsausschuss des Bundestages, Februar 2021. ↩
- BioNTech-Aktienkurs (BNTX), historischer Höchststand 6. August 2021, öffentlich nachvollziehbar über Börsendaten. ↩
- SEC-Pflichtmitteilungen (Form 13F) der Bill & Melinda Gates Foundation Trust, Bestand BioNTech-Aktien, Vergleich 3. Quartal 2021 mit Folgequartalen. ↩
- Europäischer Rechnungshof, Sonderbericht 19/2022, „Beschaffung von COVID-19-Impfstoffen durch die EU". ↩
- BioNTech SE, SEC-Registrierungsunterlage Form F-1 (2019), Abschnitt zu bestehenden Investoren: Strüngmann-Familienholding, Fidelity Management & Research Company, Redmile Group, MIG Fonds, Salvia GmbH, Janus Henderson Investors, Invus Group, Bill & Melinda Gates Foundation. ↩